Arielle - ein Sommermärchen
- Jelynn
- 5. Mai 2019
- 5 Min. Lesezeit
Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Grossmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen.
Es war das erste und einzige Mal, dass ich meine Sommerferien bei Grossmutter verbrachte. Sie hatte Mama geradezu gezwungen, mich mitgehen zu lassen. Mama war, seit ich mich erinnern kann, eine sehr ängstliche Frau. Sie war schon fast vierzig als sie mich zur Welt brachte, doch sie war alles andere als entspannt, wie man es älteren Müttern oft nachsagt. Ich war ein Unfall, oder ein Glückskind, wie mich Grossmutter liebevoll nannte und mein Vater verliess uns kurz nach meiner Geburt.
Als Kind durfte ich nie etwas, weder mit Freunden auf den Spielplatz, noch mit dem Kindergarten schwimmen gehen. Alles war Mama zu gefährlich. Ich hatte einige Male versucht, zu trotzen, doch sie war jedes Mal in Tränen ausgebrochen, also gab ich es auf. Als Grossmutter dann vorschlug, mich für den Sommer zu sich in die Berge zu nehmen, hätte ich jauchzen können vor Freude. Grossmutter war schon über 80 und bei ihr konnte ich oft tun, was ich wollte. "Ich meine es ernst, Monika", sagte Grossmutter und bohrte ihre faltigen, schmalen Finger überraschend kräftig in Mamas Oberarm, als diese sich ihrem ernsten Blick entziehen wollte. "Lange kannst du so nicht weitermachen. Du sorgst dich noch ins Grab! Ruhe dich diesen Sommer aus, ich passe gut auf die Kleine auf."
Mama hatte widerwillig zugestimmt, unter der Voraussetzung, dass ich ihr täglich schreiben und mich vom Bergsee fernhalten würde, der sich einige hundert Meter von Grossmutters Haus weg befand. Eifrig versprach ich es ihr. Nie hätte ich damit gerechnet, mitgehen zu dürfen. Ich begann meine Ferien in Hochstimmung, doch da Grossmutter etwas abgeschieden wohnte, kilometerweit vom nächsten Dorf entfernt, musste ich mich oft alleine beschäftigen. Als Einzelkind war dies jedoch nichts Neues für mich, ich träumte mir Feen, Zwerge und Trolle hinzu und spielte mit ihnen.
Abends liess mich Grossmutter Disney-Videos schauen. Sie hatte nur drei Filme, also schaute ich jeden Abend abwechselnd einen. Mein Lieblingsfilm war Arielle - die kleine Meerjungfrau. Ich wollte sein wie sie, hübsch, rothaarig und umgeben von Wasser und Freunden. So zog mich der Bergsee, den ich durch mein Fenster im zweiten Stock gut beobachten konnte, magisch an. "Wenn mich in den See stelle, verwandle ich mich vielleicht in eine Meerjungfrau", dachte ich mir, "dann sähe ich aus wie Arielle!"
Eines Morgens wachte ich schon früh auf. Es war die perfekte Gelegenheit. Als ich auf Zehenspitzen durch das holzige Haus schlich, packte mich eine ängstliche Aufregung. Noch nie zuvor hatte ich mich auf ein echtes Abenteuer begeben. Mit angehaltenem Atem und darauf bedacht, ja kein Geräusch zu machen, schaffte ich es aus der Tür. Barfuss rannte ich über die gelblichen, sonnenverbrannten Wiesen. Hier war es immer sehr still, doch an dem Morgen schienen sogar die Vögel stumm geworden zu sein. Als ich den See erblickte, die undurchdringliche, blauschwarze Oberfläche, wollte ich einen kurzen Moment lang umdrehen und zurückrennen. Dann gab ich mir einen Ruck und ging mit bedächtigen Schritten darauf zu.
Der See strahlte eine Kälte aus, die nicht zu den in warme Farben getauchten Bäumen und Wiesen passte, die ihn umgaben. An meinen Armen und Beinen stellten sich die Haare auf, als mich ein eisiger Luftzug streifte. Am Ufer angekommen, beugte ich mich über das Wasser und betrachtete mein Spiegelbild. Es sah älter aus als ich, ernster. Mit klopfendem Herzen zog ich mein Nachthemd aus und streckte, nur noch mit Unterwäsche bekleidet, einen Fuss ins Wasser.
Die Kälte traf meine Haut wie tausend Nadelspitzen. Ich zog instinktiv den Fuss zurück, atmete tief durch und sprang. Im ersten Moment verschlug es mir den Atem, doch mein rasendes Herz, welches ich nun im ganzen Körper zu spüren glaubte, wärmte mich. Das Wasser war nicht so tief, wie ich erwartet hatte, also ging ich noch ein paar Schritte, bis ich bis zum Hals im Wasser stand. Der Grund war schlammig und immer wieder streifte ich glitschige Pflanzen. Das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein, erfüllte mich. Durch zitternde Lippen sog ich die Luft ein, schloss die Augen und wünschte mir ganz fest, dass ich mich in eine Meerjungfrau verwandeln würde. Als plötzlich eine raue Pflanze meinem Bein entlang strich, schrie ich erschrocken auf und zuckte zurück. Die Schlinge umklammerte jedoch fest mein Bein und zog mich langsam nach unten. Panisch zappelte ich mit meinen Beinen und versuchte, mich zu befreien. Mit einem plötzlichen Ruck verschwand ich unter Wasser. Ich hatte keine Zeit, Luft zu holen.
Verzweifelt versuchte ich, die Pflanze mit beiden Händen von meinem Bein zu lösen. In meinem Kopf breitete sich bereits ein dumpfes Gefühl aus und meine Arme wurden immer schwächer. Plötzlich nahm ich eine Gestalt wahr, die mit rasender Geschwindigkeit auf mich zukam. Innerhalb von Sekunden war mein Bein frei, starke Hände packten mich unter den Achseln und zogen mich an die Oberfläche. Gierig sog ich die klare Luft ein, die mich nun umgab. Ich drehte mich und versuchte, einen Blick auf meinen Retter zu erhaschen, doch dieser war noch immer unter Wasser und zog mich aufs Ufer zu.
An das, was danach passierte, erinnere ich mich nur verschwommen. Ich erinnere mich daran, dass die Gestalt ein blasses Mädchen war, mit einem schmalen Gesicht und traurigen Augen. Ich erinnere mich, dass sie in den Wellen verschwand und nicht mehr auftauchte. Und ich erinnere mich an die Angst in den Augen meiner Grossmutter, als ich zitternd und völlig durchnässt zurückkehrte und ihr erzählte, was passiert war. "Das...das kann nicht sein", flüsterte sie, als sie mich, völlig in Gedanken versunken, mit einem Tuch abtrocknete, bis meine Haut krebsrot war.
Bis am Abend hatte sie sich wieder gefasst. "Was heute passiert ist, darf deine Mutter nie erfahren", sagte sie und strich mir traurig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Es würde sie endgültig brechen." Dann erzählte sie mir von meiner grossen Schwester Lily, die bei einem Familienpicknick im Bergsee ertrunken war. "Deine Eltern waren nur kurz eingenickt. Als sie ihre Schreie hörten, war es schon zu spät. Dein Vater sprang ins Wasser und versuchte, sie zu retten, aber er konnte sie nicht finden. Niemand konnte sie finden, nicht einmal die Polizeitaucher, die tagelang unermüdlich das Wasser durchkämmten." Grossmutter schauderte und wandte den Blick ab. "Der Sarg wurde leer begraben."
Bis heute frage ich mich, ob das, was sich an diesem warmen Sommermorgen zugetragen hat, wirklich passiert ist. Meine Grossmutter ist unterdessen lange verstorben, trotzdem habe ich mein Versprechen zu ihr gehalten und meiner Mutter nie etwas davon erzählt. Ich habe sie jedoch angefleht, Grossmutters Haus nicht zu verkaufen. Jedes Jahr kehre ich während der Sommerferien für eine Woche dorthin zurück und verbringe meine Tage alleine am Bergsee. Obwohl ich nie wieder etwas Ungewöhnliches bemerkt habe, habe ich mich bis heute nie wieder ins Wasser getraut.
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