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Befreiungsschlag

  • Autorenbild: Jelynn
    Jelynn
  • 5. Mai 2019
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Mai 2019

Marlene liess laut ihren Kaugummi platzen, während sie mit einem mausgrauen Lappen halbherzig die Theke abwischte. In Gedanken war sie noch halb im Bett. Draussen war alles dunkel, sogar das hässliche grüne Neonschild auf dem Dach hatte den Geist aufgegeben. Das harte Licht der Deckenleuchten war trotzdem von weitem sichtbar und lockte sogar zu dieser Unzeit Kunden in den schäbigen Tankstellenshop. Wie die aufgetakelte Tante die gerade hereinstolzierte, mit so viel Schminke im Gesicht, wie sie nur hässliche und ungemein eitle Menschen auftragen. Marlene begrüsste sie mit einem breiten Lächeln und einem genauso falsch-fröhlichen «guten Morgen», welches an ihr abprallte wie Regentropfen an einem Gummistiefel. «Dann eben nicht», murmelte sie und wartete mürrisch, bis die Kundin mit ihrem Redbull an die Kasse kam. «Noch eine Packung Lucky Strikes», schnappte diese und kramte in ihrer glitzernden Handtasche nach Kleingeld.


«Es tut mir leid, davon haben wir keine mehr an Lager», obwohl es ihr gar nicht leid tat gab sich Marlene alle Mühe, freundlich zu klingen. «Ist nicht dein Ernst?», die Frau musterte sie mit einem eisigen Blick aus pechschwarz umrandeten Augen, dem sie gleichgültig standhielt. «Die Marke wurde leider noch nicht geliefert, vielleicht wenn Sie heute Abend kommen…» Noch bevor sie den Satz beenden konnte, fegte die Frau das Redbull von der Theke und stürmte aus dem Laden.

«Bitch», murmelte Marlene und trat hinter der Theke hervor, um sich den Schaden anzusehen. Das Redbull war zum Glück nicht geplatzt, es hatte nur eine Beule. So konnte sie es trotzdem nicht mehr verkaufen. Sie öffnete die Dose, aus der sofort ein süsslicher, klebrig anmutender Duft zischte. Als sie das ekelhafte Zeug die Kehle herablaufen liess, dachte sie an die Standpauke ihrer Mutter, als sie sie das erste Mal mit einem Energy Drink erwischt hatte. Meine Güte, wie enttäuscht sie gewesen war. Dabei hätte sie unterdessen an Enttäuschungen gewöhnt sein müssen.


Ihre älteren Geschwister waren alle super erfolgreich. Aaron war ein Bankheini, Petra die beliebteste Zahnärztin in der Region und Christine arbeitete seit einem Monat als Chirurgin. Als Nachkömmling hätte sie sich nur ein Beispiel an ihren wunderbaren Geschwistern nehmen brauchen, aber nein. Stattdessen hatte sie ihr Wirtschaftsstudium abgebrochen und arbeitete seit acht Monaten in diesem Saftladen. «Du musst dich endlich entscheiden, was du werden möchtest», jammerte ihre Mutter in einer Tour, «mach nur so weiter, dann kriegst du nie einen respektablen Job. Faultiere möchte niemand einstellen.» Marlene verdrehte die Augen. Ihrer Familie konnte sie eh nie etwas recht machen.

Wütend zerquetschte sie die leere Dose zwischen ihren Fingern und warf sie in den Abfallkorb. Dann setzte sie sich wieder an die Kasse und betrachtete ihre Handrücken. Hier direkt unter der Lampe schienen sie fast durchsichtig zu sein. Marlene ballte die Fäuste und beobachtete fasziniert, wie ihre feingliedrigen Hände plötzlich viel kräftiger aussahen.


Ein lauter Knall liess sie zusammenfahren. Als sie den Kopf hob, sah sie die massive Ladentür weit offenstehen. Eine vermummte Gestalt kam an Shampoos und Tampons vorbei auf sie zu, ein offenes Messer in der Hand. Nach einem kurzen Moment des Schocks reagierte sie. Blind griff Marlene nach den Süssigkeiten, die sich unmittelbar bei der Kasse befanden, und schoss sie nach der Gestalt. «Hey!», der Schrei wurde von einem schwarzen Schal gedämpft. Sie liess sich jedoch nicht beirren. Überraschungseier, Schokoriegel, Gummibärchen, jeder Schuss war ein Treffer.


Die Wurfgeschosse waren zwar zu leicht, um den Angreifer zu verletzen, doch sie lenkten ihn ab und verschafften Marlene Zeit, sich nach schwereren Gegenständen umzuschauen. Ihr Blick fiel auf die Alkoholflaschen, die im Regal hinter ihr aufbewahrt wurden. Ohne zu zögern griff sie nach dem Vodka und warf. Es brauchte nur drei Flaschen, bis sich die Gestalt laut fluchend umdrehte und aus dem Tankstellenshop humpelte. Sofort rannte Marlene hinter der Theke hervor und schloss die Ladentür ab. Völlig ausser Atem schaute sie in die Nacht hinaus. Vom Angreifer war nichts mehr zu sehen. Erleichtert drehte sie sich um und liess die Szene auf sich wirken.


Der Boden war von Scherben übersäht, es gab kaum einen Fleck, der trocken geblieben war. Die gläserne Ladentür hatte einen langen Kratzer und sah aus, als würde sie bei der nächsten Bewegung ganz zersplittern. Marlene ging zurück hinter die Kasse, drückte den Notfallknopf, stützte den Kopf in ihre Hände und lachte, laut und frei. Sie lachte und lachte, bis sie die Polizeisirene hörte.


Die zwei Polizeibeamten waren sehr nett. Die etwas ältere Polizistin hatte sie, von ihrer schwachen Gegenwehr unbeeindruckt, gleich in eine Decke eingewickelt. Ihr junger Kollege stellte in einem Tonfall, der vermutlich beruhigend wirken sollte, eine Reihe von Fragen. Marlene schilderte den Vorfall so gut sie konnte und zeigte den beiden schliesslich das Überwachungsvideo. Die beiden Beamten versuchten erst, professionell zu bleiben, doch als der Angreifer bei seiner Flucht ungeschickt auf dem Boden herumschlitterte, kannten sie kein Halten mehr.


Lauthals lachend klopften sie Marlene auf die Schultern und gratulierten ihr zu ihrer raschen Reaktionsfähigkeit. Sie lobten sie so überschwänglich, dass ihr Gesicht rot zu glühen anfing. «Das hätte doch jeder so gemacht», murmelte sie. «Bestimmt nicht», widersprach der Polizist und wischte sich eine Lachträne aus den Augen. «Da kenne ich viele Kollegen, die nicht halb so schnell reagiert hätten.» Er zog die Augenbrauen zusammen und musterte sie eingehend, «hast du dir je überlegt, Polizistin zu werden?»



Photo by Caryle Barton on Unsplash

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