Die andere - Teil I
- Jelynn
- 10. Mai 2019
- 4 Min. Lesezeit
Mit zitternden Fingern strich Yana ihrem Ebenbild über die Wange. Obwohl die Berührung vorsichtig war, hinterließen ihre Finger eine kaum sichtbare, fettige Spur auf der glatten Oberfläche des Spiegels. An einem anderen Tag hätte sie vermutlich gleich zum Lappen gegriffen, doch heute ließ sie es sein. Sie konnte es sich nicht leisten, wegzusehen. Stur hielt sie den Blickkontakt mit sich selbst, traute sich nicht, zu blinzeln. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten im warmen Licht, welches durch das Schlafzimmerfenster drang. Für wenige Sekunden schweiften ihre Gedanken ab. Sie bewunderte ihr Aussehen, an dem sie hart arbeitete. Ihre Gene hatte beste Voraussetzungen für sie geschaffen, doch sie war stolz auf alles, was sie mit Sport und Kosmetik zusätzlich herausholte. Dunkelbraune Haare mit teuren Highlights umrahmten weichen Gesichtszüge. Vollen Lippen, eine fein geschwungene Nase und makellose, leicht gebräunte Haut brachten ihr viele bewundernde Blicke ein.
Yana blinzelte und erlöste damit ihre Augen, die unangenehm kribbelten. Sie musste sich konzentrieren. Es machte ihr Angst, was sie gesehen hatte, doch sie würde den merkwürdigen Vorkommnissen auf den Grund gehen. Heute stellte sie sich der Wahrheit. Sie lächelte, um sich Mut zu machen, doch der Spiegel erwiderte es eher gequält. Draußen ertönte ein Knall, vermutlich eine Fehlzündung. Die junge Frau zuckte vor Schreck zusammen und fluchte. Dann erstarrte sie. Ihr Spiegelbild hatte sich nicht bewegt. Verstört bemerkte Yana den eisigen Blick ihres gläsernen Zwillings, ihre Entschlossenheit war verschwunden. Sie bekam keine Luft mehr, ihr Herz raste. Langsam setzte sie sich vor den Spiegel, um nicht den Halt zu verlieren.
„Eins, zwei, drei…“, flüsterte Yana mit geschlossenen Augen, „...vier, fünf...“. Diesen Trick hatte sie von Teddy, der auch im Baumarkt arbeitete. „Tief ein- und ausatmen Yana“, hatte er gesagt, als vor einem Monat beim Regaleinräumen ihr Kreislauf zu versagen drohte. Ihre Atmung beruhigte sich, sie zählte leise weiter und als sie hundert erreichte, schlug sie die Augen auf. Es war keine Halluzination gewesen, das Spiegelbild stand noch immer vor ihr. Es hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich mit ihr hinzusetzen. Ihr Herz drohte, aus der Brust zu springen, doch sie riss sich zusammen und rappelte sich wieder auf. „Wer bist du?“, flüsterte sie. Das Spiegelbild kräuselte seine Lippen zu einem Lächeln, bei dem es Yana kalt den Rücken herablief. Es näherte sich der Oberfläche des Spiegels und legte behutsam eine Hand ans Glas. Im ersten Moment dachte Yana, dass es seine Hand durch die Oberfläche hindurchstrecken würde, doch diese Angst war unbegründet. Die Reflektion hauchte gegen die Innenseite des Spiegels, wobei es sie keine Sekunde aus den Augen ließ. Das Glas beschlug und schmale Finger, ihre Finger, schrieben vier Buchstaben: ANAY.
„Anay“, Yana runzelte die Stirn, „Kannst du mich hören?“. Ihr Spiegelbild verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Es blieb stumm. Yanas Hände zitterten noch immer, doch neben der lähmenden Angst fühlte sie Wut in sich aufsteigen. Wie konnte die andere so kalt und unfreundlich sein? „Was willst du?“, fragte sie und versuchte, ihrer Stimme einen bestimmenden Unterton zu verleihen. Das Spiegelbild zuckte mit den Schultern und grinste. Wenn sie nur endlich damit aufhören würde! Frustriert schlug Yana mit der flachen Hand gegen den Rand des Spiegels. „Was willst du?“, fragte sie erneut. Die andere erschrak, gewann jedoch innerhalb von Sekunden ihre Fassung zurück. Ihre braunen Augen leuchteten golden in der Abendsonne. Sie kam ganz nahe an die Oberfläche und richtete ihren Zeigefinger auf Yana. Mit ihren Lippen formte sie einen Laut: DU.
Yana wusste nicht, was sie tun sollte. Sie blieb vor dem Spiegel stehen bis ihre Beine schwer wurden und hoffte auf eine Reaktion, auf Antworten. Doch die andere schien vollkommen unberührt von der ganzen Situation. Anay würde nicht mit ihr reden, wurde Yana klar. Sie musste in Ruhe nachdenken und das ging nicht, wenn sie die ganze Zeit von einem Gesicht, ihrem Gesicht, beobachtet und verhöhnt wurde. Sie packte den schweren Spiegel entschlossen an beiden Seiten und legte ihn, mit der Oberfläche unten, auf den Teppich. Anay schlug wütend von Innen gegen das Glas, doch Yana ignorierte das Geräusch, das von weit her zu kommen schien. „Wenigstens kann sie nicht rauskommen“, murmelte sie und streifte ihren Pyjama über den Kopf. Sie konnte ihre Hände kaum ruhig halten, dass die andere eingeschlossen war, tröstete sie jedoch. Sie band ihre langen, dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz und ging ins Bad. „Fuck“, sie fluchte und zuckte zurück, als das Licht anging. Anay zwinkerte ihr frech und mit emporgerecktem Mittelfinger entgegen. Wie konnte sie nur vergessen, dass sie im Badezimmer einen Spiegel hatte. Sie tat ihr Bestes, das Ebenbild zu ignorieren und putzte ihre Zähne mit dem Rücken zum Waschbecken. Dessen Blick spürte sie trotzdem.
Erst als sie sich später in ihr Bett kuschelte und die Decke bis zum Hals hochzog, begriff sie, was passiert war. Schon vor Wochen hatte sie erstmals vermutet, dass mit ihrer Reflektion etwas nicht stimmte. Gefühle in den Augen, die nicht die ihren waren, verzögerte Reaktionen der Hände, sie hatte all das zwar wahrgenommen, aber lange nicht wahrhaben wollen. Nüchtern betrachtet war es komplett unmöglich, dass sich ein Spiegelbild unabhängig vom Original bewegt. Dennoch war sie ihr Misstrauen nicht mehr losgeworden und hatte vor einer Woche begonnen, Fallen zu stellen. Mit unberechenbaren Bewegungen und Fratzen wollte sie das Spiegelbild austricksen, doch es hatte alles synchron mitgemacht. Bis heute. Heute hatte es beschlossen, sich ihr zu erkennen zu geben. Wenn sie nur wüsste, wieso.
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coole seite und gute geschichten! weiter so