Die andere - Teil II
- Jelynn
- 27. Mai 2019
- 5 Min. Lesezeit
In den Tagen nach Anays Enthüllung kam Yana oft zu spät. Ihr böser Zwilling, wie sie das Spiegelbild unterdessen nannte, hielt sie auf, wo sie nur konnte. Sie schien keinen Schlaf zu brauchen und klopfte jede Nacht alle paar Minuten von Innen gegen den Spiegel. Yana fühlte sich (und sah aus), als hätte sie kein Auge zugetan. Dieser Streich reichte Anay jedoch nicht aus. Sie weigerte sich zudem, beim morgendlichen Schminken zu helfen. Yana hatte nie in Betracht gezogen, sich ohne Spiegel schminken zu lernen, bis sie sich dank Anay den Eyeliner ins Auge rammte. Während Yana fluchte und ihr tränendes Auge auswusch, verteilte Anay mit Eyeliner vergnügt eine Reihe von „Fuck you“s über den ganzen Spiegel. Die künstlerische Schmiererei konnte man von außen nicht wegputzen, also würde Yana einfach mit dem ordinären Gekritzel leben müssen.
Zwar ärgerte sie sich über die kleinen Sabotagen, mit denen ihr Anay das Leben schwermachte, aber eigentlich waren es nicht mehr als Banalitäten. Was ihr wirklich Sorgen machte war, wozu ihr böser Zwilling in Zukunft fähig sein würde. Vielleicht täuschte sie sich, aber das Klopfen kam ihr jeden Tag lauter vor. Die andere hatte inzwischen begonnen, Gegenstände zur Hilfe zu nehmen. Als Yana gestern bei ihrer Arbeit im Lager des Baumarkts aufgeräumt hatte, hatte sich Anay einen Hammer gegriffen und wie wild auf ihr gläsernes Gefängnis eingeschlagen. Yana war sofort aus dem Laden gerannt, doch sie war sicher, ein Splittern gehört zu haben. Völlig außer Atem hatte sie sich draußen vornübergebeugt. Ihr war speiübel vor Angst. Sie unterdrückte den aufkommenden Schwindel, zählte auf zehn und riskierte vorsichtig einen Blick ins Schaufenster. Ihr Spiegelbild saß auf dem Boden, den Kopf in den Händen aufgestützt und weinte. Beschämt wandte Yana sich ab und ging ins Lager zurück, diesmal weit weg von reflektierenden Oberflächen.
Es war seltsam, aber von diesem Moment an konnte sie an nichts anderes mehr denken als an Anay. Hatte Yana den Blick in den Spiegel anfangs gemieden, sah sie nun genau hin. Seit sie sich ihr vor etwa einer Woche offenbart hatte, verstellte sich die andere nicht mehr. Fasziniert beobachtete Yana, wie verschieden sie waren. Das wütende, unberechenbare Wesen ihres Ebenbildes spiegelte sich in ihrem Aussehen wieder. Sie schminkte sich nicht mehr mit Yana und anstatt sich zu kämmen, fuhr sie sich lediglich mit den Fingern durch die Haare. Anay strahlte eine rohe Schönheit aus und glich in ihren Bewegungen einem eingesperrten Raubtier. Sie war offensichtlich eine eigenständige Persönlichkeit. Abgesehen von ihrem Äußeren konnte sie jedoch kaum eigenen Entscheidungen treffen und musste Yana folgen, wohin sie auch ging.
„Ich habe keinen Grund, mich schuldig zu fühlen“, dachte Yana trotzig, als ihr Anay am nächsten Morgen wie so oft den Mittelfinger zeigte. „Ich habe sie nicht eingesperrt.“ Und doch fühlte sie sich unwohl, wenn sie daran dachte, wie ihr Zwilling leben musste. Vor lauter Ärger hatte sie sich nie überlegt, wie Anay existieren konnte. Wo war sie, wenn sie sich gerade nirgends spiegelte? Konnte sie sprechen und wenn ja, warum hatte sie bis jetzt geschwiegen? Wie und wann hatte sie ein eigenständiges Bewusstsein entwickelt?
Diese Fragen ließen Yana keine Ruhe und als sie eines Nachts nicht einschlafen konnte, fasste sie einen Entschluss. Mühsam stellte sie den großen Spiegel in ihrem Schlafzimmer auf, den sie am ersten Abend umgedreht hatte. Anay saß auf dem Boden, die Beine weit ausgestreckt. Mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen neigte sie den Kopf und sah Yana direkt in die Augen. „Sie hasst mich“, stellte Yana fest, während ein kalter Schauer ihre Wirbelsäule umspielte und die feinen Haare auf ihrem Arm aufstellte. „Sie hasst mich und ich verstehe sogar, wieso.“ So konnte es nicht weitergehen.
„Hallo“, sagte Yana und setzte sich im Schneidersitz vor den Spiegel, sodass sie sich auf Augenhöhe mit Anay befand. Diese musterte sie mit einem misstrauischen Blick und richtete sich ein wenig auf. Yana knetete nervös ihre Finger. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das Vertrauen ihres Ebenbildes gewinnen sollte. „Ich habe nachgedacht“, begann sie schließlich, „und ich möchte nicht mehr so leben. Du wahrscheinlich auch nicht.“ Falls diese Worte bei Anay ankamen, zeigte sie es nicht. Ihr Gesicht war undurchschaubar, eine abweisende Maske. „Wir sollten uns unterhalten, richtig unterhalten meine ich. Ich weiß zwar nicht, ob du sprechen kannst…kannst du sprechen?“, fragte sie, doch das Spiegelbild schüttelte langsam den Kopf. Yana glaubte, Tränen in ihren Augen zu erkennen und sprach hastig weiter. „Das ist nicht schlimm, wir werden uns schon verständigen können.“ Verlegen räusperte sie sich. „Ich möchte dich aus dem Spiegel herausholen. Ich helfe dir, wenn wir einen Waffenstillstand schließen und du mir all meine Fragen ehrlich beantwortest.“
Anay legte ihren Kopf schräg. Nach einigen Minuten, die Yana wie eine Ewigkeit vorkamen, nickte sie schließlich. Yana atmete hörbar aus und fühlte ihre Anspannung langsam schwinden. Der erste Schritt war getan. "Seit wann bist du Anay... also mehr als meine Reflektion?" Es kam ihr dumm vor, diese Frage zu stellen, doch es war alles, woran Yana denken konnte. Was für eine Antwort sie sich wünschte, wusste sie nicht. Anay überlegte kurz, dann hielt sie beide Hände hoch. An der einen Hand zeigte sie alle fünf Finger, an der anderen nur den Daumen. "Sechs", murmelte Yana, "sechs was? Monate?" Die andere schüttelte heftig den Kopf. "Wochen?" sie nickte. "Und wie...oder wieso...?", fragte Yana, doch sie konnte den Satz nicht zu Ende führen. Anay gestikulierte, ihre Augen blitzten und ihre Mimik wurde lebendig. Konzentriert schaute Yana sie an, versuchte zu verstehen, was ihr die andere mitteilen wollte, doch es war zwecklos. Anay bewegte sich zu schnell, zu manisch.
Sanft legte Yana ihre Hand an den Spiegel. Sie suchte den Blick ihres Ebenbildes und versuchte, so viel Wärme wie möglich in ihren Ausdruck zu legen. Anay beruhigte sich. Resigniert zuckte sie mit den Schultern, lächelte traurig und legte ihre Hand an Yanas. Minutenlang saßen die beiden einfach so da, von der gläsernen Wand getrennt und doch so nah. „Ich wünschte, ich könnte ihr helfen“, dachte Yana, „sie verdient ein eigenes Leben.“ Plötzlich überzog sie eine Gänsehaut. Der Spiegel schien zu vibrieren, erst leicht und dann immer stärker, bis sie Anays Finger zu spüren glaubte. Vorsichtig griff Yana nach Anays Hand und schrie auf vor Glück, als sie sie tatsächlich fassen konnte. Mit aller Kraft zog sie, überzeugt, dass sie Anay befreien konnte.
Diese schien erst unter Schock zu stehen, doch dann wehrte sie sich plötzlich. Sie strampelte und wand sich, ging sogar so weit, ihr in die Hand zu beißen, doch Yanas Entschlossenheit verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Sie musste es schaffen, der Durchgang konnte sich jeden Moment schließen. Endlich gelang es ihr. Mit einem letzten Ruck stand Anay vor ihr, verwirrt und aufgebracht. „Was hast du getan?“, keuchte sie, doch als Yana ihr freudestrahlend antworten wollte, blieben ihr die Worte im Hals stecken. Sie wollte sich räuspern, doch auch das ging nicht. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand eine Schlinge um den Hals gelegt, die sich zuzog, sobald sie ein Geräusch von sich geben wollte. Verzweifelt schaute sie Anay an und griff nach ihrem Arm. Ihre Finger stießen schmerzhaft an eine kalte, undurchdringliche Oberfläche. Scheinbar meilenweit entfernt erkannte sie Anays mitleidigen Blick. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Photo by Vince Fleming on Unsplash
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