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Die andere - Teil III

  • Autorenbild: Jelynn
    Jelynn
  • 21. Juni 2019
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Aug. 2019

Als Yana ihr Bewusstsein wiedererlangte, verstand sie erst nicht, was passiert war. Vorsichtig richtete sie sich auf und rieb beide Augen. Sie fröstelte und als sie ihre Finger verschränkte spürte sie, dass keinerlei Wärme von ihnen ausging. Als sie den Kopf hob, blickte sie direkt in ein Paar bernsteinfarbene Augen. Anay saß mit gekreuzten Beinen vor dem Spiegel und musterte sie sorgenvoll. Tränen liefen ihr unablässig die Wange herunter. "Es tut mir so leid", flüsterte sie, "ich hätte dich aufhalten müssen." Ihre Stimme klang angenehm rau und Yana fragte sich, ob dies die ersten Worte waren, die Anay je gesprochen hatte. Gleichzeitig bemerkte sie, wie weit entfernt alles schien. Sie hörte und sah wie durch unzählige Schleier. Yana bemühte sich, ein tapferes Lächeln aufzusetzen und setzte sich auf ihre Hände, die unablässig zitterten.


Anay ließ sich davon nicht beschwichtigen. "Ich hole dich da raus", sagte sie und nickte nachdrücklich, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. Die ermutigend gemeinten Worte holten Yana endgültig aus ihrem Schockzustand. Es fühlte sich an, als würde ihr jemand den Boden unter den Füssen wegreißen. Sie war gefangen, ausgeliefert. Am liebsten hätte sie Anay angefleht, wieder mit ihr zu tauschen. Falls Anay ihr diese Gedanken ansah, ging sie nicht darauf ein. Stattdessen schaute sie betreten auf den Boden, es herrschte eine unangenehme Stille. Nach einigen Minuten erhob sie sich und musterte Yana besorgt. "Ich gehe jetzt schlafen", sagte sie leise. "Kann ich dir irgendetwas bringen? Soll ich dir den Radio vor den Spiegel stellen? Den Fernseher?" Yana schüttelte den Kopf. Instinktiv legte sie ihre Hand an die Spiegelunterfläche und nach kurzem Zögern tat ihr Ebenbild es ihr nach. Als Yana ihre Hand schließlich senkte, atmete Anay kaum hörbar aus. „Gute Nacht.“ Yanas Magen zog sich zusammen, als sie Anay in ihr Bett klettern sah. Bald war sie eingeschlafen, ihr Brustkorb hob und senkte sich. Yana selbst würde keinen Schlaf finden.


In den darauffolgenden Tagen erlebte Yana, was es bedeutet, ein Spiegelbild zu sein. Wenn Anay unterwegs war, wurde sie von Eindrücken übermannt. Durchquerte sie die Stadt, wurde Yana in jeden Spiegel und jedes Fenster projiziert, an dem ihr Ebenbild vorbeiging. Sie wusste nicht, wie es Anay gemacht hatte, jedenfalls schaffte sie es nicht, sie zu kopieren. Ihr Zwilling hatte es ihr zu erklären versucht. "Eigentlich ist es ganz simpel, du musst mich nur gut beobachten. Nach ein paar Tagen wirst du meine nächsten Bewegungen ohne Probleme voraussagen und imitieren können." "Aber ich will das gar nicht ein paar Tage lang machen", hätte sie ihr am liebsten an den Kopf geworfen, "du hast versprochen, mich hier raus zu holen."


An dieses Versprechen klammerte sie sich, wie an einen Rettungsring. Es war das Einzige, was sie am Leben hielt, davon war sie überzeugt. Lange würde sie es in der Spiegelwelt nicht mehr aushalten. Die Stunden fühlten sich an wie Tage, die Tage wie Wochen. Sie konnte der Realität für keinen Moment entfliehen, fand weder Schlaf noch Entspannung. Die Nächte waren einsam, die Tage bestenfalls eintönig. Sie hätte gerne gelesen oder einen Kaffee getrunken, doch Bücher konnte sie in der Spiegelwelt kaum lesen und trinken war unmöglich. Manchmal hielt ihr Anay die Buchseiten vor den Spiegel, doch Yana fand es unbefriedigend, so zu lesen. Anay versuchte alles, um ihr das Leben erträglicher zu machen. Laufend schleppte sie irgendwelche Dinge an, in der Hoffnung, ihr eine Freude zu machen. Leider konnte Yana mit dem meisten davon nichts anfangen. Sie hasste es, die gespiegelten Gegenstände anzufassen. Es fühlte sich falsch an, als würde man einem hungerndem Kind ein Reiskorn anbieten.


Das Schlimmste an ihrer Situation aber war Anay. Sie lächelte einer jungen Mutter im Bus zu, biss herzhaft in einen Cheeseburger, stolperte, verschluckte sich an einem Schluck Wasser und fluchte, wenn sie sich am Ellenbogen anstieß. Für jeden dieser Momente hasste sie Anay aus tiefstem Herzen. Diese Momente gehörten ihr, doch sie wurden ihr nicht nur gestohlen, sondern sie musste sie auch noch miterleben. Ihr Job im Baumarkt war das perfekte Beispiel. Sie hatte sich nie viel daraus gemacht, trotzdem schmerzte es, Anay in der blau-gelben Uniform zu sehen. Gemeinsam hatten sie lange überlegt, ob es sicher war, wenn Anay ihren Job übernahm. Sie waren zum Schluss gekommen, dass sie das Geld brauchten, um die Wohnung nicht zu verlieren. Trotzdem war Anay nervös. "Ich habe dir schon beim Arbeiten zugesehen, aber ich weiß nicht, ob ich es überzeugend genug kann", sagte sie. "Was, wenn jemand herausfindet, dass mit mir etwas nicht stimmt?"


Yana hatte erst beschwichtigend abgewinkt, doch als ihr Teddy einfiel, wurde auch ihr ein bisschen mulmig. Teddy war nicht nur ihr Arbeitskollege, sondern ein guter Freund. Er hatte ihr oft mit den Panikattacken geholfen und sie hatten viele, tiefgründige Gespräche zusammen geführt. Ihn würden sie kaum täuschen können. Nach einigem Kopfzerbrechen und Kommunikationsschwierigkeiten hatten Anay und sie beschlossen, Teddy zu belügen, falls er misstrauisch wurde. Anay würde vorgeben, dass sie nach einem kleinen operativen Eingriff unter Amnesie litt. Dies dürfte sein Misstrauen vorerst zerstreuen. Trotzdem war Anay verunsichert, der Plan vermochte sie nicht zu beruhigen. In der Nacht vor ihrem ersten Arbeitstag ging sie unablässig im Zimmer auf und ab. Yana beobachtete sie mit gemischten Gefühlen. Wie Anay befürchtete sie, dass der nächste Tag ein Desaster werden würde. Es kam jedoch ganz anders.


Teddy begrüßte Anay, wie er Yana immer begrüßt hatte: Mit einer Umarmung. Sie unterhielten sich kurz während Yana ihnen angespannt zusah. Jeden Moment würde er es merken, dessen war sie sich sicher. Sie wartete, halb ängstlich halb aufgeregt darauf, dass es komisch werden würde zwischen den beiden. Nichts passierte. Die beiden alberten den ganzen Tag herum, kicherten über exzentrische Kunden und verstanden sich super. Yana fühlte sich, als würde ihr Brustkorb immer weiter mit Gletscherwasser gefüllt. Teddy, ihr Freund Teddy mit dem sie jeden Tag gesprochen hatte, merkte nichts. Keiner ihrer Arbeitskollegen merkte etwas. Niemand würde sie vermissen, wenn sie nie wieder aus dem Spiegel käme.


Diese Nacht war die Schlimmste. Yana starrte geradeaus ins Leere und umklammerte ihre Knie so fest, dass ihre Fingerknöchel hervortraten. Die Stellung hatte etwas Tröstliches an sich, eine Illusion von Halt in dieser Welt, die sie in den Wahnsinn treiben würde. Hier gab es keine Regeln, weder Zeit noch Raum. Sie war gefangen in einem unsichtbaren Würfel, der kaum Bewegung zuließ. Nicht dass sie sich je wieder hätte bewegen wollen. Sobald sie im Baumarkt erkannt hatte, wie ausweglos ihre Situation war, hatte sie sich zusammengerollt und nicht mehr aufgerichtet. Wie sehr sie fluchen wollte, schreien wollte, doch die Welt hinter dem Spiegel ließ ihr kaum genug Luft zum Atmen. Sie verspürte weder Hunger, Durst, noch Müdigkeit und doch sehnte sie sich nach Erlösung. Was sie jetzt bezahlen würde für Schlaf. Heiße Tränen stiegen in ihren Augen auf. Länger konnte und würde sie nicht durchhalten.


Photo by Vince Fleming on Unsplash

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