Lebenserinnerung - Ein Tag im Wald
- Jelynn
- 5. Mai 2019
- 5 Min. Lesezeit
Gierig sog ich die würzige Luft ein, während ich kräftig in die Pedale trat. Mein Atem bildete jeweils für wenige Sekunden kleine Wölkchen, doch dank der konstanten Bewegung spürte ich die morgendliche Frische nicht. Ganz genau studierte ich meine Umgebung, suchte nach einem Platz, wo ich mich hinsetzen könnte. Zwar war ich schon oft mit meinen Eltern in diesem Teil des Waldes gewesen, doch bisher hatte ich noch keinen Ort zum dauerhaften Verweilen gesucht. Eine Handvoll Holzbänke hatte ich unterwegs schon erspäht, die jedoch entweder morsch und feucht oder von gewellten Pilzen überwachsen waren. Ich brauchte eine trockene Option, schliesslich würde ich den ganzen Tag hier verbringen.
Je weiter ich in den Wald vordrang, umso leichter fühlte ich mich. Ich spürte das Gewicht meines Schulranzens kaum mehr. Die Chance, hier gesehen zu werden, war sehr gering. Ursprünglich hatte ich zum Fluss gehen wollen, wo es dem Wasser entlang viele schöne Plätze gibt. Dann war mir eingefallen, wie viele Menschen dort jeden Tag ihren Hund spazieren führen. In einem kleinen Dorf wie diesem hätte es vermutlich nur wenige Stunden gedauert, bis eine besorgte Nachbarin sich bei Mama gemeldet hätte. Ich konnte es mir genau vorstellen: «Hallo meine Liebe, wie geht es dir, ja ungewöhnlich mildes Wetter heute, man muss es geniessen so lange es noch hält, ja ja, du, ich möchte mich ja nicht einmischen, aber ich glaube, ich habe deine Tochter am Fluss gesehen, sollte sie nicht in der Schule sein? Nein nein, sie hatte den Schulranzen und das Fahrrad bei sich, ja genau, ich bin mit dem Hund vorbeigelaufen und sie hat gegrüsst. Nein, keine Ursache, es geht mich ja nichts an, ich wollte nur sichergehen, dass es euch gut geht, wirklich keine Ursache.»
Genauso würde es ablaufen, meine Mutter würde in der Schule anrufen und meine ganze Planung in sich zusammenbrechen. Ich hatte mich lange auf diesen Tag vorbereitet. Nach dem Aufstehen hatte ich meiner besten Freundin Mia eine SMS geschrieben, ich sei krank und könne nicht in die Schule kommen, sie solle es bitte ausrichten. Der Eintrag im Absenzenheft war schon vorbereitet, inklusive Mama’s Unterschrift. Auf diese war ich besonders stolz, es hatte seine Zeit gedauert, bis ich ihre artistischen Kringel halbwegs glaubhaft imitieren konnte. Wieso musste sie auch einen so langen Namen haben, der bei Weitem zu viel Möglichkeit für schwungvolles Schreiben bot?
Endlich! Freudig stieg ich von meinem Fahrrad und stellte es neben die neu aussehende Bank. Das Holz war hell und trocken, noch kein Flecken Moos hatte angesetzt. Besser konnte es nicht werden. Ich setzte mich und atmete tief durch. Hitze strömte in Wellen durch meinen Körper, ich zog die Jacke aus und schaute mich um. Die spitzen, orange-roten Ahornblätter raschelten im Wind, der weiche Waldboden war übersäht davon. Es sah aus, wie in einem kitschigen Liebesfilm, wie in Harry und Sally. Ich bereute es, meine Digitalkamera nicht mitgenommen zu haben. Noch schöner als die bunten Herbstfarben fand ich die Ruhe, die mich umgab. Es war lange her, seit ich das letzte Mal wirklich Ruhe gehabt hatte. Mit einem Lächeln öffnete ich meinen Schulranzen und nahm mein Lieblingsbuch hervor, Harry Potter und der Orden des Phönix. Vielleicht könnte ich es heute zu Ende lesen.
Ich begann zu lesen und verlor mich schnell in der Geschichte. Wie immer fühlte ich bei Joanne K. Rowlings Beschreibung von Hogwarts Sehnsucht in mir aufsteigen. Was hätte ich dafür gegeben, denselben Brief wie Harry, Ron und Hermine zu bekommen, diese fantastische Schule zu besuchen. Mit meinen dreizehn Jahren war es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass dieser noch kommen würde. Trotzdem wollte ein kleiner Teil von mir die Fantasie nicht aufgeben, die Möglichkeit von zuhause fortzugehen und an einem besonderen, anderen Ort Abenteuer zu erleben.
Ich fröstelte und zog mir widerstrebend die Jacke wieder über. Die Morgensonne war hinter einer Wolke verschwunden und die Wärme vom Fahrradfahren abgeklungen. Meine Armbanduhr zeigte an, dass erst eineinhalb Stunden vergangen waren. Noch etwa acht Stunden, bis ich mich auf den Heimweg machen müsste. Das sollte mich freuen. Unruhig veränderte ich meine Sitzposition und massierte mein linkes Bein, welches eingeschlafen war. Einige braune Spritzer zierten meine Jeans um das Fussgelenk, bestimmt würde mir bis am Abend eine Erklärung dafür einfallen. Seufzend lehnte ich mich soweit wie möglich zurück und las weiter.
Bis zur Mittagszeit hatte ich etwa fünf weitere Arten ausprobiert, bequem auf der Bank zu sitzen und lag unterdessen auf dem Bauch, die Ellenbogen hart aufgestützt. Das Geräusch eines Motors erschreckte mich, ich klappte das Buch zu, stand auf die Bank und erblickte zwischen den Bäumen ein grosses Fahrzeug, welches sich langsam den Waldweg hochschlängelte. Ohne lange zu überlegen packte ich mein Buch in den Schulranzen, stieg aufs Fahrrad und strampelte los. Mein Herz klopfte, mein Hals fühlte sich an wie ausgetrocknet, ich hetzte weiter und weiter, bis ich die Rettung erblickte: Ein Jagdhochsitz. So gut es ging versuchte ich, schnell mein hellblaues Fahrrad hinter einem breiten Stamm zu verstecken, bevor ich die stählerne Leiter hochkletterte.
In der kleinen Kanzel befand sich eine schmale Holzbank, die nur wenig Beinfreiheit bot. Die Aussicht war jedoch wunderschön. Eine Weile wartete ich angespannt auf das Fahrzeug und bewunderte den leuchtenden Blätterteppich des Waldbodens von oben, doch es war vermutlich anders abgebogen. Schliesslich griff ich in den Schulranzen und wollte mein Buch wieder hervorholen, als meine tastenden Finger den Tupperware-Behälter streiften, den Mama heute Morgen bereitgestellt hatte. Mein Magen knurrte, die panische Flucht von vorher hatte mich wohl hungrig gemacht.
Während ich lustlos kalte Spaghetti auf der Gabel drehte, musste ich mir eingestehen, dass mein Tag in Freiheit nicht halb so entspannend war, wie ich es mir wochenlang ausgemalt hatte. Unterdessen sass mir die Kälte in den Knochen und ich konnte mir nicht vorstellen, mich zukünftig je wieder auf etwas anderes als ein Kissen zu setzen. Wütend stach ich mit der Gabel in die Bank. Wenn ich nur etwas älter wäre und Geld hätte, könnte ich hingehen wo immer ich wollte, wo mich niemand kennt. Ich könnte mit dem Zug nach Zürich, mich in ein warmes Kaffee setzen und lesen, ohne dass mich jemand sieht und an meine Eltern verrät.
Ich dachte an den Streit, den ich mit ihnen vor ein paar Tagen hatte. Wie immer ging es um alles und nichts. «Was willst du von uns?», die Verzweiflung in Mama’s Stimme war hörbar. «Ich will raus, ich will atmen und nicht immer hier eingeschlossen sein. Ich will einfach mal weggehen, ohne euch sagen zu müssen wohin. Ich will…», an diesem Punkt fiel mir nichts mehr ein. Es war unmöglich, in Worte zu fassen, was mir fehlte, was mich so frustrierte. «Du willst erwachsen sein», führte Papa meine Gedanken zu Ende. Ich zuckte mit
den Achseln und nickte schliesslich. Resigniert schüttelte Mama den Kopf. «Du bist aber nicht erwachsen, du bist dreizehn Jahre alt. Wir sind für dich verantwortlich. Wenn dir etwas passiert…» Ich sah, dass es keinen Sinn hatte. Sie verstanden mich nicht. Mit wütenden Tränen in den Augen rannte ich nach unten in mein Zimmer und begann, Pläne zu schmieden.
Nun, da ich zitternd im Jagdhochsitz sass, wo ich wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht mehr lesen konnte, wurde mir die ganze Absurdität meines Plans bewusst. Als könnte ein Tag etwas ändern, den Hunger nach mehr beschwichtigen oder stillen. Ja, ich hatte einen Tag in der Freiheit des Waldes verbracht, doch wie frei war ich wirklich gewesen? Versteckt in einem Hochsitz, unbequem sitzend, immer wieder auf die Uhr schauend waren die Stunden schleppend vergangen. Es war nicht fair. Ich atmete tief durch und blinzelte gegen die selbstmitleidigen Tränen an, die hinter meinen Augen drückten. «Geduld», murmelte ich und stellte mir vor, wie ich in ein paar Jahren durch die Strassen einer fremden Grossstadt schlendern würde. Dann packte ich meine wenigen Sachen zusammen, kletterte die Leiter wieder herunter, schwang mich auf mein Fahrrad und machte mich auf den Heimweg.
Jeli mir gefällt deine Seite super 👍👍👍👍👍👍