Mord und Zeitreise - Teil I
- Jelynn
- 29. Juni 2019
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Aug. 2019
Gemächlich nippte Tanja an ihrem Kaffee. Viel war nicht mehr übrig, doch sie liess gerade genug, dass ihr der übereifrige Kellner die Tasse nicht wegnehmen konnte. Gewohnheitsmässig legte sie beide Hände um das schiefergraue Gefäss. Es war längst nicht mehr warm, trotzdem wirkte die Geste beruhigend auf sie. Tanja liess ihren Blick durch das Café wandern. Das zusammengewürfelt wirkende Mobiliar, welches aus gemütlichen Sesseln sowie harten Stahlhockern in allen Farben und Grössen bestand, passte zu den Besuchern des Cafés. Da sass eine junge Mutter mit Zwillingen, welche eifrig die Spielzeugkiste aus- und dann wieder einräumten. Am Tisch daneben, in ein Eisenbahnmagazin vertieft, sass ein älterer Mann, an dessen Bartspitze schon seit Minuten Milchschaum hing. Er trug klobig aussehende Kopfhörer und wippte kaum wahrnehmbar mit seinem Knie. Noch einen Tisch weiter diskutierten zwei junge Männer im Flüsterton vor ihren Laptops. Sie selbst sass an einem Ecktisch, mit Kopfhörern in den Ohren und einem aufgeschlagenen Buch auf der Tischkante. Ihre dröhnende Trap-Musik verschluckte alle anderen Geräusche und verlieh ihren Beobachtungen etwas Surreales.
Tanja liebte dieses Café und kam fast täglich, um zu lernen oder sonstige Dinge zu erledigen. Das Personal war freundlich aber distanziert und sie war sich sicher, dass keiner der Kellner sie auf der Strasse wiedererkennen würde. Genau, wie es sein sollte. Lustlos richtete Tanja ihre Augen auf das aufgeschlagene Buch, wegen dem sie ursprünglich hergekommen war. 100 Faustregeln des Export Marketing. Bis morgen sollte sie die ersten zwei Kapitel gelesen haben, doch in der letzten Stunde hatte sie gerade einmal das Inhaltsverzeichnis angeschaut. Tanja wusste nicht, woran es lag, aber das Buch wirkte abstossend auf sie. Etwas tief in ihrem Inneren sträubte sich dagegen, es zu lesen. Seufzend beugte sie sich darüber, nahm die nächste Seite zwischen Daumen und Zeigefinger und blätterte. Ihre Augen folgten den Buchstaben, doch ihr Blick war leer. Eine Erschütterung ihres Holztisches erlöste sie.
Erschrocken sah sie auf. Ihr gegenüber stand ein gross gewachsener Mann mit zurückgekämmten blonden Haaren und einem kindlichen Gesicht. Die Erschütterung war von seiner Aktentasche gekommen, die er schwungvoll auf Tanjas Tisch hatte krachen lassen. Er schälte sich aus seiner dunkelblauen Daunenjacke, warf ein Paar Handschuhe neben ihre Kaffeetasse und strahlte sie an. Seine Lippen bewegten sich. Leicht genervt zog Tanja einen ihrer Kopfhörer aus dem Ohr. «Entschuldigung?»
«Hallo», sagte er, setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und zog einen Laptop aus der Aktentasche. «Hallo», erwiderte sie und steckte irritiert den Kopfhörer zurück. Er nickte ihr kurz zu, öffnete den Laptop und begann, wild auf die Tastatur einzuhämmern. Der Mann ging ihr auf die Nerven. Seine Handschuhe und Aktentasche lagen noch immer auf dem Tisch und obwohl Tanja freien Blick auf das Buch hatte, fühlte sie sich eingeengt. Wieso hatte er sich zu ihr gesetzt, wenn zwei andere Tische noch frei waren? Sie bedachte ihn mit einem feindseligen Blick und wollte sich wieder dem Buch zuwenden, als er mit seiner Hand vor ihrem Gesicht herumwedelte. Sie riss den Kopfhörer wieder heraus.
«Was?», fauchte sie. «Störe ich?», fragte er. Sie runzelte die Stirn, «was?», wiederholte sie. Er sprach nun langsamer, als wäre sie ein Kind. «Störe ich dich? Du hast mich gerade mit Mordlust in den Augen angesehen.» Sie wusste nicht, ob sie lachen oder wütend sein sollte. «Ja du störst», sagte sie schliesslich, «besser gesagt, deine Sachen.» Sie zeigte auf die Handschuhe und die Aktentasche. «Sorry», er griff nach den unerwünschten Teilen und fegte beinahe ihre Tasse vom Tisch, als er sie mit einer einzigen, achtlosen Bewegung neben sich auf den Boden warf. «So ist es schon viel besser», sagte er und lächelte, «jetzt können wir uns richtig unterhalten.» Tanja hob eine Augenbraue, «wie bitte?»
«Ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen. Ich wollte zwar erst noch einige Spee-Mails beantworten, aber das kann ich auch später noch erledigen.»
«Spee-Mails?», wiederholte Tanja. «Speed-of-Light-Mails, aber wer hat schon Zeit, es ganz auszusprechen», gluckste er. «Speed-of… okay, also wer bist du und was möchtest du mit mir besprechen?» Innerlich bereitete sie sich schon darauf vor, zu bezahlen und das Café zu verlassen. Mit dem Typen stimmte ganz klar etwas nicht und sie hatte keine Lust herauszufinden, wie durchgeknallt er war. «Ich bin Niko, ein Zeitreisedetektiv», begann er, «und ich brauche deine Hilfe.» «Ha ha», sagte Tanja genervt, «komm bitte zur Sache, ich habe keine Lust auf blöde Witze.» Er verzog keine Miene, «ich meine es ernst!» Sie seufzte, schnappte sich ihre Handtasche und suchte nach dem Geldbeutel. Sie hätte sich gar nicht erst auf dieses Gespräch einlassen dürfen. Jetzt galt es, so schnell wie möglich abzuhauen. Hoffentlich war er nicht so unverschämt, ihr zu folgen.
Verdutzt beobachtete er, wie sie sich bereit machte, zu gehen. «Warte, bitte, ich kann es dir beweisen! Ich weiss, was du im hintersten Fach deines Geldbeutels aufbewahrst.» Sie hielt inne und bedachte ihn mit einem finsteren Blick. «Das brauchst du gar nicht erst versuchen, du kannst es unmöglich erraten.» «Ist es… ein Ausschnitt eines Briefes, den deine Mutter geschrieben hat?» Selbstzufrieden grinsend lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme, «die Welt gehört dir meine liebe Tochter…», zitierte er mit flötender Stimme. Tanja spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. «Auch wenn du aus der Zukunft kommen würdest, gäbe dir das kein Zugang zu meinem Geldbeutel. Ich glaube eher, du bist ein irrer Stalker der in meiner Tasche herumgewühlt hat, als ich vor einer Stunde auf Klo war.» Bestürzung machte sich in seinem Gesicht breit. Er schaute sie mit grossen Augen an, «das würde ich nie tun!»
«Klar», Tanja verdrehte die Augen und hob ihre Hand, um den Kellner auf sich aufmerksam zu machen. Bevor er sie jedoch bemerken konnte, blitzte ein Lichtstrahl auf und blendete sie. Zu spät hielt sie die Hände vors Gesicht, um sich zu schützen und für wenige Sekunden flimmerten lila Punkte in ihrem Sichtfeld. Als sie wieder normal sehen konnte, erkannte sie wie Niko ihr eine Taschenuhr entgegenhielt. Benommen schüttelte sie den Kopf. «Was zur Hölle war das?» «Das, meine Liebe, ist eine Rush-Watch. In etwa zwei Jahren werden die ersten Exemplare auf den europäischen Markt kommen. Sie funktioniert wie eine normale Uhr, hat jedoch die äusserst praktische Fähigkeit, einen sonnenlichtsimulierenden Strahl direkt in deine Netzhaut zu schiessen, der dich hellwach macht», er lächelte scheinheilig, «ich wette, du kannst nicht einmal blinzeln.» Tatsächlich. So sehr sich Tanja auch bemühte, sie konnte kaum ihre Augen verengen, geschweige denn blinzeln. Gleichzeitig rasten ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, je so wach und leistungsbereit gewesen zu sein. Jetzt könnte sie das langweilige Buch bestimmt ohne Probleme lesen. Neugierig untersuchte sie die futuristische Taschenuhr, die Niko ihr entgegenhielt.
«Glaubst du mir jetzt?», fragte er hoffnungsvoll. «Naja, es könnte immer noch sein, dass du mir Kokain in den Kaffee gemischt hast, aber die Chance ist zugegebenermassen recht klein», sie seufzte und gab ihm die Uhr zurück, «dann erzähl doch mal, was dich hierherführt, Zeitreisedetektiv.» «Ein Hoch auf die Technik», Niko strahlte, rückte seine Krawatte zurecht und räusperte sich. «Also, der Grund warum ich hier bin, ist ein bisschen heikel. Ziemlich unerfreulich eigentlich. Aber davon lassen wir uns nicht die Laune verderben. Wir bleiben optimistisch.» Als er Tanjas Blick bemerkte, nickte er eilig. «Ja ja, ich weiss, ich komme schon auf den Punkt. Also, um es kurz zu fassen, ich will mit dir einen Mord aufklären.»
Fortsetzung folgt...
Photo by Owen Vachell on Unsplash
Schön wäre es, nicht wahr? Teil II kommt in etwa zwei Wochen :)
wo ist bzw. wann kommt teil 2:-). du sitzt doch auch gerne im starbucks...tönt nach einer wahren geschichte.