Nachtspaziergang
- Jelynn
- 12. Mai 2019
- 7 Min. Lesezeit
Kira zog vorsichtig die schwere Tür hinter sich zu und grinste triumphierend, als sie fast geräuschlos ins Schloss fiel. Übung machte wohl tatsächlich den Meister. Schnell huschte sie das Treppenhaus herunter und schlüpfte durch den Haupteingang. Als sie endlich draußen stand, atmete sie erst einmal tief durch. Was für eine Nacht.
Es war wieder einmal an der Zeit gewesen, auch wenn sich das Nachspiel wie immer als etwas anstrengend herausgestellt hatte. «Bleib noch ein bisschen, du möchtest doch nicht wirklich um diese Uhrzeit noch nachhause gehen.» Als ob. Wenn man bis zum Frühstück bleibt, wird man den Typen nie wieder los. Stattdessen hatte sie ihn angelächelt und nochmals ihre Ausrede wiederholt. «Sorry, aber ich habe meiner Mutter versprochen, morgen früh bei ihr vorbeizuschauen.» «Dann lass mich wenigstens ein Taxi rufen. Es ist viel zu gefährlich, jetzt noch durch die Stadt zu laufen.» «Du bist ja ein echter Gentleman», Kira lachte, «und du hast Recht. Ich mache mich noch schnell frisch, dann können wir ein Taxi rufen.» Verschlafen aber zufrieden mit sich lächelte er sie vom Bett aus an. Sie zwinkerte ihm zu und verschwand im Bad, wo sie ihr Make-up nachbesserte und die frischen Kleider anzog, die sie extra für den Heimweg mitgebracht hatte. Die graue Jeans und das schwarze Shirt würden sie in der Dunkelheit so gut wie unsichtbar machen. Kira ließ sich Zeit und als sie nach einigen Minuten einen Blick ins Schlafzimmer warf, war ihr Plan aufgegangen: Er lag in der Mitte des Bettes, seine Brust hob und senkte sich, während er friedlich vor sich hin schnarchte. Kira lächelte. Ein netter Junge. Sie drehte sich um, schnappte sich ihre Lederjacke von der Garderobe und schlüpfte durch die Tür.
Eine kühle Brise zog um den Wohnblock, dessen braunrote Fassade von zahlreichen, offensichtlich wenig talentierten Sprayern verunstaltet worden war. Kira fror nicht, der schwarze Pullover und die Stiefel hielten sie warm. Sie ging nicht besonders schnell, wollte die Nacht auf sich wirken lassen. Es war schon eine Weile her, dass sie so spät noch unterwegs gewesen war, doch die Dunkelheit hatte nichts von ihrem bedrohlichen Zauber verloren. Selbst die Straßenlaternen, deren Licht schwach durch dreckige Gehäuse drückte, waren unheimlich. Sie spielten mit Kira's Schatten während sie dem Gehweg entlang schritt, zogen ihn abwechselnd lang und ließen ihn fast verschwinden.
Kira war auf der Hut. Sie wusste, dass die Stille trügerisch sein konnte. Ihre Großmutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie von ihrem nächtlichen Spaziergang wüsste. Sie hatte Kira zur Achtsamkeit erzogen, sie zum Thaiboxen geschickt und ihr zahllose Ratschläge gegeben, für den Fall, dass sie je in Schwierigkeiten geraten würde. Was mit ihrer Tochter Louisa geschehen war, hatte sie tief erschüttert, sie würde ihre Enkelin nicht denselben Fehler machen lassen. «Sorry Oma», murmelte Kira. Ihre Augen wanderten zu den Wolken, die sich über der Stadt türmten und den Mond verdeckten. Dann blieb sie unvermittelt stehen.
Vor ihr ragten zwei gewaltige Sommereichen aus dem Boden, die den Eingang des Westparks flankierten. Nach einem kurzen Zögern straffte sie die Schultern und ging mit zügigen Schritten in den Park hinein. Sie wusste um das Risiko, aber sie konnte nicht widerstehen. Sie spürte das vertraute Adrenalin in ihren Adern, obwohl ihre letzte Jagd lange her war.
Andere Stadtbewohner mieden den Westpark sobald es dunkel wurde, er hatte einen gewissen Ruf. In den wildwachsenden Sträuchern konnte sich wer weiß was verstecken und die Abkürzung würde Kira höchstens fünf Minuten einsparen. Sie war jedoch nicht daran interessiert, schneller heimzukommen. Bemüht, sich möglichst leise zu bewegen, wählte sie einen mit Laub bedeckten Weg und lauschte nach verdächtigen Geräuschen. Sie dachte an Tante Louisa und ihr Herz zog sich zusammen. War sie wohl auch so achtsam gewesen? Ein dumpfes Knurren holte sie in die Wirklichkeit zurück.
Kira erstarrte mitten in der Bewegung und drehte den Kopf, um den Ursprung des Geräusches festzustellen, doch abgesehen vom stetigen Rascheln der Blätter war es totenstill. Misstrauisch wartete sie einige Sekunden ab, bevor sie weiterging. Das ungute Gefühl in ihrer Magengrube verflüchtigte sich nach wenigen Schritten, sie musste über sich selbst und ihre Paranoia schmunzeln. Vermutlich hatte sie bloß einen Fuchs gehört. Als sie den Teich erreichte, dessen Oberfläche im Laternenlicht glitzerte, blieb sie gebannt stehen. Die Welt war so viel schöner in der Nacht.
Ein schweres Gewicht prallte in ihren Rücken und riss sie von den Beinen. Kira landete hart auf ihrer Seite, verwirrt blinzelte sie durch die aufgewirbelten Blätter und bemühte sich, ihren Angreifer zu erkennen. Dieser ließ ihr jedoch keine Zeit. Kaum hatte sie sich auf ihre Ellenbogen aufgestützt, nahm er… es Anlauf und rannte mit gebeugtem Kopf auf sie zu, die Hufe laut auf den Asphalt knallend. Kira zwang sich, gegen ihren Schock anzukämpfen und rollte im letzten Moment keuchend zur Seite.
Dies verschaffte ihr einige wertvolle Sekunden, um sich aufzusetzen und die Gefahr einzuschätzen. Was auch immer es war, es war borstig und reichte ihr knapp bis zur Hüfte. Sein Körper wirkte zu massig für die vier kurzen Beine, der Kopf war eine absurde Mischung aus Hund und Hyäne und seine gelben Augen und scharfen Zähne leuchteten bedrohlich in der Dunkelheit.
Das Monster fletschte die Zähne, jaulte und griff erneut an. Mit Schrecken erkannte Kira, dass sie nicht schnell genug ausweichen konnte. Sie griff nach ihrem Stiefel, den sie zuvor verloren hatte und wartete konzentriert auf den unausweichlichen Zusammenstoß. Vielleicht konnte sie den Aufprall irgendwie abfangen. Plötzlich blieb das Biest stehen. Seine Augen wieteten sich, dann wurden sie stumpf und der bullige Körper sackte zusammen. Ein roter Pfeil steckte in seiner Flanke.
«Eine Schönheit, nicht wahr?» Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. sodass Kira erst befürchtete, dass sie nur in ihrem Kopf existierte. Dann schälte sich eine hochgewachsene Gestalt zwischen den Sträuchern hervor. Es war ein junger Mann mit glatten, schwarz-violetten Haaren, der sie mit einem leichten Lächeln bedachte. Die dunklen Ringe unter seinen Augen ließen sie vermuten, dass er schon länger keinen Schlaf mehr gefunden hatte. Trotzdem strahlten seine dunkelblauen Augen so viel Wärme aus, dass sich Kira für einen Moment beinahe darin verlor. Sie war sprachlos.
Erst als er sich über die Leiche des Monsters beugte und sie untersuchte, konnte sie wieder einen klaren Gedanken fassen. Etwas stimmte nicht. Es war kalt und ihre Knie schmerzten höllisch, dennoch hatte sie davon nichts gespürt, als der Mann aufgetaucht war. Hatte sein bloßer Anblick ihr Gehirn in Marshmallow verwandelt? Sie beobachtete, wie er einen Handrücken auf den Bauch des Biests legte, offenbar nach einem Puls fühlend. Für einen Moment glaubte Kira, ein verächtliches Zucken um seine Mundwinkel gesehen zu haben, doch als er sich wieder ihr zuwandte, sah sie nichts als Schönheit in seinen Gesichtszügen. Ihre Schmerzen waren vergessen.
«Keine besonders sympathische Kreaturen, diese Phaia.» Ohne seine Augen von Kira zu lösen, versetzte er dem leblosen Körper einen Stoß. Dieser drehte sich einige Male um die eigene Achse, bevor er mit einem leichten Pflatsch verschwand und eine Kette von Wellen über den Teich sandte. «Dieses Prachtexemplar ist heute Nachmittag aus dem Labor entwischt, ein Glück, dass ich endlich seine Spur gefunden habe. Glück für dich. Von ihren Opfern lassen sie in der Regel nicht allzu viel übrig.» Sie nickte benommen. Ihre Tante hatte ihr von den Phaia erzählt, doch sie hatte noch nie selbst ein Exemplar gesehen, geschweige denn bekämpft. «Ich bin Neo», er streckte ihr seine Hand entgegen, sie ergriff sie sofort und ließ sich von ihm hochziehen. Ihre Haut prickelte, wo er sie berührte. Sie öffnete den Mund, um sich vorzustellen, brachte jedoch kein Wort heraus. Sie hatte alles vergessen, wo sie war, wofür sie hergekommen war. Neo schien ihre Sprachlosigkeit nicht zu stören, er hielt noch immer ihre Hand.
«Das muss ein echter Schock für dich gewesen sein. Aber keine Angst, solange es dich nicht berührt hat, bist du in Sicherheit.» Ihre Augen weiten sich. Die Phaia hatte sie zu Boden geworfen, sie hatte das borstige Fell gespürt. Angst stieg in Kira auf, sie versuchte sich zu erinnern, was ihre Tante über die Phaia erzählt hatte. Neo’s Finger bohrten sich in ihre Schulter. «Hat es dich berührt?», fragte er eindringlich, «du musst es mir sagen, die Viecher sind giftig.» Sie wollte antworten, doch es kam nur ein heiseres Gurgeln. Ihre Zunge gehorchte ihr noch immer nicht, also nickte sie. Die Angst breitete sich weiter in ihrem Körper aus und besiegte die lähmende Wärme, die sie zuvor gespürt hatte. Das Chaos in ihrem Kopf legte sich. «Nicht weinen, nicht weinen», er schien beunruhigt, «keine Angst, ich weiß, wie ich dir helfen kann. Du brauchst ein Gegenmittel und ich habe zum Glück noch eine Dosis im Labor. Wir müssen uns aber beeilen. Komm!»
Plötzlich raschelte es hinter ihnen. Neo löste seinen Griff, drehte sich um und erhob kampfbereit beide Hände. Kira schnappte nach Luft, als Kälte, Angst und Adrenalin sie auf einen Schlag übermannten. Der Bann war gebrochen. Wie konnte sie nur so unvorsichtig gewesen sein! Mit einer fließenden Bewegung griff sie nach ihrem Stiefel, zog eine scharfe Klinge hervor und versenkte sie tief in seinem Hals.
Neo entwich ein tiefes, kehliges Knurren. Lange, scharfe Zähne schossen aus seinem Kiefer hervor. Er wankte, ging zu Boden und richtete seine nun blutroten Pupillen auf Kira. Hasserfüllt bohrte sich sein Blick in ihre Augen. Schwach versuchte er, sie mir seinen langen Krallen zu erwischen, doch sie wich ohne Anstrengung aus. Als er sein letztes Röcheln ausgestoßen hatte, zog Kira die Klinge aus seinem Hals und versetzte ihm einen Stoß. Sein langer, drahtiger Körper verschwand beinahe geräuschlos im Teich.
«Sorry Großmutter», seufzte Kira und suchte durch die Blätterdecke nach dem Mond, «ich weiß, diesmal war es zu knapp.» Sie schaute sich um, doch der Kampf hatte, abgesehen von ihren aufgeschlagenen Knien, keine Spuren zurückgelassen. Es war idiotisch gewesen, sich von einem Dämon benebeln zu lassen. Doch wie hätte sie auch wissen sollen, dass diese seit neuestem mit Phaia-Köder jagen gingen? Sie warf einen letzten Blick auf den Teich, schnappte sich ihre Tasche und machte sich humpelnd auf den Heimweg. Hoffentlich wäre zumindest Tante Louisa zufrieden mit ihr.
Photo by Artem Kovalev on Unsplash
warum geht sie diesen weg? warum wäre ihre grossmutter böse? ich bin ja so was von gespannt auf eine fortsetzung😉👍